Myriam Keil

Myriam Keil

Geb. 1978 in Pirmasens.

Aufgewachsen hier und da in der Pfalz, Studium in Münster, seit 2002 in Hamburg.

Einzelveröffentlichungen: "Angst vor Äpfeln" (Kurzprosa, Edition Thaleia 2007); "ein platz am fenster" (Gedichte, fza verlag 2007); "Sonntags" (Erzählung, SuKuLTuR 2008), "Nach dem Amok" (Jugendroman, cbt 2011).

Literaturpreise und Stipendien, u.a. Hamburger Förderpreis für Literatur 2006, Literaturpreis Prenzlauer Berg 2006, Förderpreis der Stiftung kunst:raum sylt quelle zum Inselschreiber-Literaturstipendium 2008.

Siehe auch www.myriam-keil.de und myriamkeil.blogspot.com

Mitglied im Forum seit Januar 2008.

 

Myriam Keil zum Anhören (mp3)

Mit freundlicher Genehmigung von www.weblesungen.de

 

Leseprobe:

 

Auszug aus „Vor dem Umsteigen“

 Ich habe einen Traum, hast du damals gesagt; deine Augen verrieten, dass es dir ernst war. Wir gingen barfuß am Strand entlang, unsere Schultern berührten sich für einen Augenblick. Einen Traum wovon, fragte ich in dein Schweigen hinein. Du hast auf den Horizont gedeutet. Ich will mich verlaufen, hast du gesagt, und aufhören, eine Narbe zu sein.

Das Meer hatte sich versteckt. Ein schmaler Priel bedeckte unsere Füße mit Kälte. Ich wollte von dir wissen, wieso du darauf bestanden hattest, dass wir an diesem Tag ans Meer fuhren. Du hast einen Moment lang überlegt; Sand zwischen den Zehen, hast du gesagt und gelächelt wie ein unglücklicher Riese. Ich folgte dem dünnen Wasserlauf und wartete auf etwas, das Beständigkeit symbolisieren könnte, das immer da ist, wie Sterne oder Kilometerpauschalen. Mein Fuß berührte die scharfkantige Bruchstelle einer zersprungenen Muschelschale. Sinnlos, hast du gesagt, und: Die Luft muss man zerschneiden, sonst reißt sie Wunden. Ich habe nach deiner Hand gegriffen, wollte dich führen, damit du nicht verloren gehen konntest. Du hast dich losgemacht, bist ins Meer hinein gelaufen, die Muschel hatte meinen Fuß verletzt. Das Wasser verschlang deine Beine, deine Hüften, deine Schultern, dein Haar. Meine Schritte folgten dir, saugten sich in den Grund des Meeres. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verging. Irgendwo unter der Wasseroberfläche bekam ich dich zu fassen, spürte einen Körper, der den Willen zum Atmen verloren hatte. Mit letzter Kraft habe ich dich ans Ufer gezerrt, wo du das Meer ausgespuckt hast, und ich wusste, du würdest mir niemals verzeihen, dass ich dich nicht aufgegeben hatte. Ich flüsterte dir Worte ins Ohr, sprach von dem Haus, in dem du leben würdest, dem Menschen an deiner Seite, der dazu gehören würde. Du hast versucht, mich zum Schweigen zu bringen; erzähle mir nichts von Dingen, die du nicht verstehst, hast du gesagt. Deine Stimme war schwach, und ich schätzte die Anzahl der Minuten bis zum Sonnenuntergang. Es waren zu viele, stellte ich fest, als dass man mit Sicherheit durchhalten könnte.