Silke Stamm

Jahrgang 1968, geboren in Villingen-Schwenningen.

Mathematik- und Physikstudium in Freiburg und Edinburgh. Lebt seit 1995 in Hamburg, unterrichtet an einem Gymnasium und schreibt Erzählungen. Veröffentlichungen in Anthologien. 2002 Teilnahme an der Werkstatt für junge Autoren des NGL in Berlin.

Mitglied im Forum seit 2000.

 

 

Silke Stamm zum Anhören (mp3)

Mit freundlicher Genehmigung von www.weblesungen.de

 

 

...und als Kostprobe zum Lesen:

 

Am Fluss

Wir gehen am Ufer entlang, ich höre ihr zu. Sie erzählt, wie alles kam, als er noch einmal zurückgefahren war, nachdem er sich schon von ihr in die Ferien verabschiedet hatte, er wollte mit einem Freund wegfliegen, weil er sich mit seiner Frau nicht mehr so gut verstand, seine Probleme hatte er ihr schon oft ausgebreitet, als Busenfreundin, viel Bier haben sie immer getrunken, weil sie sich unwohl fühlte beim Zuhören, sie erzählt, dass er also klingelte, vor ihr stand und ihr sagte, er habe sich verliebt, und sie gar nicht hören wollte, wer es ist, und er sie dann fragte, na, willst du nicht wissen, in wen, in dich, ich habe mich in dich verliebt.
Sie erzählt mir Wort für Wort ihrer Gespräche, wir gehen über den nassen Sand, ich freue mich für sie und erinnere sie daran, wie schrecklich sie selbst es gefunden hatte, dass sie sich in ihn verliebt hatte, weil er doch verheiratet war, ihr Kollege, mit dem sie sich so gut verstand, wie wir schon einmal an diesem Ufer spazieren gegangen sind, sie mir darlegte, sie wisse nicht, ob er sie attraktiv finde oder überhaupt anschaue als Frau und ob er wohl wahrnehme, was sie trägt, und ich gesagt habe, warte ab, an dieser Stelle, mit Blick auf das Wasser, das in kleinen Wellen gegen das Ufer schwappt und mit der trägen Strömung die Sonne auf den Rippen Richtung Westen trägt, und nun lachen wir beide, teilen dieses Lachen, das ihr gehört und ich habe es ja gewusst.
Wir gehen hier spazieren, weil er nach Korsika geflogen ist, nach dem Umweg zu ihr und zwei Tagen und einer Nacht, so lange ist sie nicht ans Telefon gegangen, aber jetzt hat sie mich angerufen und wollte mich unbedingt sehen, denn jetzt ist er losgefahren, in den Urlaub, den er mit einem Freund geplant hatte, als es in seiner Ehe schon kriselte. Zwei Wochen lang ist er weg, und sie möchte von ihm reden, jetzt, da er selbst nicht hier ist, und sie erzählt, damit es wahr bleibt, denn sie fragt sich, wie es sein wird, wenn er wieder kommt. Es wird gut sein, was auch sonst, sie kennen sich doch schon lange und jetzt haben sie es sich endlich gestanden, und sie hat mir immer erzählt, sie möchte gar keinen neuen Mann kennen lernen, sie möchte einen, der sie schon kennt. Den hat sie jetzt, schon lange kennt er sie, und darum wird er bleiben. Das sage ich ihr alles und so kommt es dann auch, er kommt wieder und als er da ist, geht sie mit ihm spazieren am Fluss.

 

 

Stand: 16.09.2006